Die Schilf-Glasflügelzikade als Überträger neuer Krankheiten– Möglichkeiten zur Eindämmung der Zikaden-Population in Zuckerrüben
Dominik Dicke und Michael Lenz (Pflanzenschutzdienst Hessen);
Thomas Bickhardt, Stephan Brand, Ann-Kathrin Scherer und Jonas Schulze (Pflanzenbauberatung, LLH);
Friedrich-Georg Hartmann (Fachschule Agrarwirtschaft Darmstadt, LLH)
Stand: 26.09.2025
Die aktuelle Situation in Hessen
Die Schilf-Glasflügelzikade (Pentastiridius leporinus) tritt in Hessen seit 2018 als Überträger neuartiger Krankheiten insbesondere in Zuckerrüben, Kartoffeln aber auch verschiedenen Gemüsekulturen auf. Starker Befall führt in Zuckerrüben zu Ertrags- und Qualitätseinbußen in Höhe von 25-50 %. In Kartoffeln hingegen kann Stolbur die Qualität so stark beeinträchtigen, dass ganze Partien nicht mehr vermarktungsfähig sind. Solche Starkbefallssituationen treten aktuell vor allem südlich der Mainlinie, zum Teil mit über 50 % befallenen Pflanzen, auf. An der Mainlinie, in der südlichen Wetterau, im Main-Kinzig-Kreis und im Raum Limburg haben die Zikadenfänge sowie die Befallshäufigkeit und -stärke in diesem Jahr deutlich zugenommen (2 10 % befallene Pflanzen). In der nördlichen Wetterau ist der Befall bislang schwach (<1-2 % befallen Pflanzen), während sich in Nordhessen nur Einzelpflanzen mit einer Symptomausprägung finden lassen.
Einige Worte zur Biologie der Schilf-Glasflügelzikade (Pentastiridius leporinus)
Die Schilf-Glasflügelzikade kam ursprünglich im Schilf vor, hat ihr Wirtspflanzenspektrum jedoch seit einigen Jahren insbesondere um Zuckerrüben, aber auch Kartoffeln und verschiedene Gemüsekulturen erweitert. Am Beispiel Zuckerrüben wird im Folgenden der Entwicklungszyklus erklärt.
Die erwachsenen (adulten) Zikaden fliegen ab Anfang bis Mitte Mai in die Zuckerrüben- und Kartoffelbestände ein. Nach Saugtätigkeit und Paarung legen die Weibchen ab Junibeginn ihre Eier im Boden am Zuckerrübenkörper ab. Aus den Eiern schlüpfen sogenannte Nymphen. Diese ernähren sich zuerst über die Wurzeln der Rübe und später über die Wurzeln des folgenden Wintergetreides – insbesondere Weizen als klassische Folgekultur. In Folge sinkender Temperaturen wandern die Nymphen in tiefere Bodenschichten ab. Nachdem sie fünf Nymphenstadien durchlaufen haben, entwickeln sie sich zu adulten Zikaden und der Zyklus ist abgeschlossen. Aus dem Weizen fliegen sie dann im Folgejahr wieder ihre Wirtspflanzen an.
Krankheitserreger und Schadbild
Sowohl die Saugtätigkeit der adulten Schilf-Glasflügelzikade als auch der Wurzelfraß ihrer Nymphen führen zur Übertragung von zwei bakteriellen Erregern auf weitere Pflanzen: Candidatus Arsenophonus phytopathogenicus (ARSEPH, Verursacher von SBR) und Candidatus Phytoplasma solani (PHYPSO, Verursacher von Stolbur). Besonderheit: ARSEPH wird von den adulten Zikaden direkt an die Nachkommen übertragen. Um mit PHYPSO befallen zu werden, müssen sich die Nymphen hingegen erst an einer bereits befallenen Pflanze infizieren. Die Krankheitserreger sind mit Darmbakterien der Schilf-Glasflügelzikade verwandt, welche diese möglicherweise erst in die Lage versetzt hat, bestimmte Stoffe besser zu verdauen. Vermutlich aus diesem Grund wurden in der Folge neue Pflanzenarten „verträglich“, was die massenhafte Ausbreitung in der Fläche erklären kann. Außerdem findet durch die hohe Anbaudichte insbesondere der Zuckerrübe in den Starkbefallsregionen eine „Wirtspflanzenvernetzung“ statt, die die Vermehrung der Zikaden stark gefördert hat.
Dabei verursacht der Krankheitserreger ARSEPH in Zuckerrüben durch die Verstopfung der Leitbündel geringe Zuckergehalte und Erträge (SBR). Das äußert sich durch einen Blick ins Innere einer infizierten Rübe, die stark verbräunte Leitbündel aufweist (siehe Abb. 6). Der Erreger PHYPSO hingegen sorgt für die typischen Gummirüben (Stolbur). In Kartoffeln sorgt der Erregerkomplex zur Krankheit der „bakteriellen Kartoffelknollenwelke“, die sich neben den Gummiknollen in weiteren Symptomen äußert (Aufrollen der Blattränder, Blattverfärbungen, Geiztriebbildung, Bildung von Luftknollen, Fadenkeimigkeit, etc.).
Möglichkeiten zur Befallsreduktion
Die nebenstehende Abbildung zeigt die Zeitpunkte für den Einsatz von chemischen (Notfallzulassungen) und ackerbaulichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade auf. Die Managementmethoden sollen helfen, den Befall zu reduzieren und damit die Krankheitsübertragung zu minimieren. Eine vollständige Ausrottung ist nicht möglich.
Aktuell ist die Rübenernte in vollem Gange. Was ist hilfreich, um den Nymphenbesatz zu reduzieren?
Nachfolgende Maßnahmen erscheinen insbesondere in den Hot-Spot- und Übergangsregionen, wie auch in den Grenzregionen mit Erstvorkommen der Schilf-Glasflügelzikade zielführend und werden daher aus Sicht des Pflanzenschutzes grundsätzlich empfohlen:
• Etablieren Sie nachfolgend eine Schwarzbrache, sofern Standort und Bodenbeschaffenheit dies zulassen und keine erhöhte Gefahr von Bodenerosion besteht. Die notwendige Bodenbearbeitung, z. B. mit dem Grubber, sollte eine möglichst raue Bodenoberfläche zurücklassen, so dass auch stärkere Niederschläge auf der Fläche vollständig versickern. Zusätzlich muss geprüft werden, ob die Vorgaben der Konditionalität (GLÖZ 6) sowie der Düngeverordnung (rote Gebiete) eine Schwarzbrache erlauben. Die genannten gesetzlichen Bestimmungen führen in der Regel zu keiner Einschränkung, wenn:
o Ihre Flächen durch hohen Tongehalten (≥ 17 %) von GLÖZ 6 ausgenommen sind,
o nach Definition von GLÖZ 6 eine Mulchauflage (Rübenblatt, gegrubbert) verbleibt,
o die Ernte in roten Gebieten nach dem 01. Oktober stattfindet
o oder ihre Fläche zusätzlich in einem Gebiet mit <550 mm Niederschlag (⌀) liegt.
o (…)
• Bei früher Ernte und geplantem Zwischenfruchtanbau nach Zuckerrüben und Kartoffeln: Verzicht auf Ramtillkraut und Phacelia. Stattdessen sollten Senf oder Ölrettich angebaut werden (Nachbauproblematik z. B. beim Einsatz von Venzar oder Conviso® ONE berücksichtigen)!
• Sofern der Verzicht auf Weizen als Folgekultur keine Alternative ist (z. B. unter bestimmten Bedingungen in roten Gebieten), sollte der Zeitraum zwischen Zuckerrübenernte und Weizenaussaat so weit wie möglich gestaltet werden. Möglich wäre nach früher Ernte (bestenfalls bis Mitte September) der Anbau von Wechselweizen bzw. die Dezembersaat.
Fazit
Aus Sicht des Pflanzenschutzes ist es das Ziel, im Anschluss an die Ernte eine Anbaupause von bestenfalls 5 Monaten zu erreichen, um die Nymphen erfolgreich auszuhungern. Letztlich lässt sich das nur durch den Anbau einer späten Sommerung wie Mais oder Soja als Folgekultur, unter Berücksichtigung aller oben genannten Punkte, konsequent erzielen. Außerdem ist bei der Anbauplanung für das Folgejahr zu beachten, dass Zuckerrüben besonders gefährdet sind, wenn sie an Schläge angrenzen (auf Gemarkungsebene), auf denen im Vorjahr Zuckerrüben standen und anschließend Winterweizen ausgesät wurde. In solchen Lagen ist das Risiko eines frühen Zikadenzuflugs und damit einer frühen Infektion mit den Krankheitserregern besonders hoch. Die vorangestellten Empfehlungen können im Einzelfall mit rechtlichen Bestimmungen der Düngeverordnung (v.a. rote Gebiete) und der Konditionalitäten-Verordnung kollidieren. Eine Vereinfachung ist im nächsten Jahr geplant. Es können außerdem Zielkonflikte beim Grundwasserschutz und bei der Vermeidung von Bodenerosion entstehen.
Wenden Sie sich bei Rückfragen an ihre vor Ort zuständige Beratungskraft des LLH.
Literatur
Lang, C., Dettweiler, A., Benaouda, S., Kreimer, D., Löffler, D., Glaser, E., Adam, H., Bojanowicz, S. L., Schall, E., Stohl, J., Hendrik, G., Lenz, M., Witczak, N., Ritz, J., Pfitzner, H. (2025). Pentastiridius leporinus als Vektor von Pflanzenkrankheiten: Der praktische Wissensstand und die verbleibenden Forschungsziele. Sugar Industry, 150(2), 105-120. DOI: 10.36961/si33023
Die angeführte Literaturstelle stellt den aktuellen Wissenstand ausführlich dar.
Link zur englischen und deutschen Version
Fotos: Thomas Bickhardt, Stephan Brand und Jonas Schulze (LLH)
sowie Dominik Dicke und Michael Lenz (PSD)







